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10. Nikotinkonferenz in der Kongresshalle – Prof. Hans-Ulrich Klör:
Gießen (if). Hilft Akupunktur? Hilft Hypnose? Helfen Kräuter, Tabletten oder Tropfen? Zwanzig Millionen Raucher, so schätzt man, leben in Deutschland. Viele davon glauben, von der »Fluppe« loszukommen, wenn sie nur wollen. Doch wenn sie das – in der Regel allein – versuchen, scheitern schon beim ersten ernsthaften Anlauf nach zuverlässigen Angaben mindestens 87 von 100 Ausstiegswilligen. Der Internist Prof. Hans-Ulrich Klör aus dem Zentrum für Medizin im Uniklinikum Gießen ist überzeugt, dass man diese Versagerquote deutlich verringern und bei konsequenter Entwöhnungstherapie unter kompetenter ärztlicher Führung die Erfolgsquote verdoppeln kann.
Der Präsident der Ärzteinitiative Raucherhilfe (AIR) ist Gastgeber der »10. Nikotinkonferenz Rauchen und Gesundheit«, die seit gestern von seiner Organisation zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung (DGNTF) noch bis zum heutigen Samstag in der Kongresshalle veranstaltet wird. Schirmherrin ist die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger. Sie hat in ihrem Grußwort ausdrücklich gewürdigt, dass in diesem Rahmen Möglichkeiten der Raucherentwöhnung erörtert werden. Denn nichts schütze sowohl Raucher als Nichtraucher besser vor den Folgen des Rauchens als der Verzicht auf Nikotin.
Klör betrachtet die Raucherentwöhnung als echte ärztliche Aufgabe. »Um sekundäre Gesundheitsschäden zu vermeiden, brauchen Raucher Hilfe beim Ausstieg.« Daher erörtere die vor zwei Jahren gegründete Ärzteinitiative derzeit mit einer großen Krankenkasse ein Projekt, mit dem – zunächst in Hessen – Hausärzte mit Raucherentwöhnungstherapien vertraut gemacht werden sollen. Andere Fachdisziplinen könnten einbezogen werden. Ein solches Aktionsprogramm könnte später flächendeckend mit den Landesärztekammern als Fortbildungsmaßnahme organisiert werden.
»Der Dialog zwischen Arzt und Patient steigert die Motivation des Patienten, eine Rauchertherapie anzufangen und durchzuhalten«, betont Klör. Allerdings warnt er vor der Auffassung, eine solche Therapie könne sich auf die Verordnung von Medikamenten beschränken. Internationale Erfahrungen besagten, dass der Patient über ein Jahr hinweg betreut werden müsse. Die derzeit unbefriedigenden Erfolgschancen der Raucherentwöhnung, so zeigt sich Klär überzeugt, werden sich so steigern lassen. Eine ganze Palette von Nikotinersatzmitteln, die den Entzug in der Kombination mit einer verschreibungspflichtigen (aber nicht erstattungsfähigen) Tablette mildern, stehe jetzt schon zur Verfügung. Weitere Fortschritte seien zu erwarten. In der Schweiz erprobt man Möglichkeiten einer Impfung.
Wiederholt und mit gewisser Erbitterung verwiesen am Rande der Konferenz Teilnehmer darauf: Obgleich international Tabakabhängigkeit als »behandlungsbedürftige Suchterkrankung« (ICD-10) klassifiziert ist, gilt in Deutschland die Raucherentwöhnung laut Sozialgesetzbuch V als »Lifestyle«-Maßnahme und ist somit Sache jedes Einzelnen. Auf großes Interesse stieß in diesem Zusammenhang die Information, dass sich erst dieser Tage die Europäische Union mit dem Thema befasste: Brüssel forderte die Mitgliedsländer ausdrücklich auf, sowohl den Zugang zur Entwöhnungstherapie durch Erstattung der Arzneimittel und der ärztlichen Beratung zu verbessern als auch die Mehrwertsteuer auf Nikotinersatz zu reduzieren.
Zum Auftakt der Konferenz hatte Evelyn Laue, Referatsleiterin Gesundheit im Statistischen Bundesamt, eine Vorstellung von der Größe des Problems
vermittelt: Der »Mikrozensus« des Jahres 2005, in dem in vierjährigem Abstand auch Daten zur Gesundheit erhoben werden, besagt, dass 32 Prozent der Bevölkerung Raucher sind, wobei Männer zwischen 20 und 30 Jahren die Hauptkonsumenten darstellen. Raucher sind häufiger krank als Nichtraucher. Mit steigendem Einkommen und höherer beruflicher Qualifikation sinkt ihr Anteil, während der Prozentsatz der Nichtraucher steigt. Weitere statistische Zahlen: 2005 starben laut Statistischem Bundesamt in Deutschland 42 217 Personen an »Erkrankungen, die in Zusammenhang mit dem Konsum von Tabakprodukten stehen«. Neben Lungenkrebs – der die vierthäufigste Todesursache ist – werden Kehlkopfkrebs und Luftröhrenkrebs zu den Folgeerkrankungen des Rauchens gezählt. Das durchschnittliche Alter der an Lungen-, Kehlkopf- und Luftröhrenkrebs Verstorbenen lag bei 69,4 Jahren im Vergleich zu 76,4 Jahren für die Verstorbenen insgesamt.
»Rauchen UND Gesundheit«, lautete das Motto der Konferenz, die heute zu Ende geht. »Rauchen ODER Gesundheit« konnte man abgeändert an einem Stand im Foyer lesen. Prof. Hans-Ulrich Klör ist Internist.
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