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Direkter Zusammenhang zwischen Depression und Diabetes
Prof. Johannes Kruse, Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, hält Antrittsvorlesung an der JLU - „Sehr stolz, ihn hier zu haben“

GIESSEN (fod). Psychische Erkrankungen als Ursache für Arbeitsunfähigkeit sind heute immer häufiger anzutreffen. Dass diese aber gleich „bei 30 Prozent der Männer und über 40 Prozent der Frauen, verteilt über alle Altersstufen“, der alleinige Grund für eine vorzeitige Berentung sind, dürfte auch die Zuhörer von Prof. Johannes Kruse überrascht haben. Der neue Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Gießener Universitätsklinikum legte jetzt bei seiner Antrittsvorlesung besorgniserregende Zahlen vor, die vor allem für die Volkswirtschaft erhebliche Auswirkungen haben. Demnach ließen sich ebenso im Krankenhaus bei 35 Prozent der Patienten begleitende psychische Störungen feststellen, wie der 51-Jährige berichtete. Doch trotz der Diagnose würden nur 20 Prozent aller Betroffenen, sei es nun draußen oder in der Klinik, deswegen behandelt, so Kruse.

Vor allem Hausärzte gefragt

Prof. Trinad Chakraborty, Dekan des Fachbereichs Medizin der Justus-Liebig-Universität (JLU), zeigte sich zuvor bei der Vorstellung des Mitte vergangenen Jahres aus Düsseldorf nach Gießen gewechselten Psychosomatikers „sehr stolz, ihn hier zu haben“. Habe man mit Johannes Kruse doch einen renommierten Experten gewonnen, „der sehr oft von Fachkollegen zitiert wird“. Der Dekan sprach damit insbesondere die Forschungsvorhaben des Klinikleiters an, der den Ursachen für psychische Krankheitsbilder auch mittels molekularer Diagnostik auf die Spur kommen möchte. Einige Erkenntnisse daraus präsentierte der gebürtige Niedersachse seinen Zuhörern. So zeigte er einen direkten Zusammenhang zwischen Depressionen, Angststörungen, posttraumatischen Störungen und Diabetes auf. „Knapp zwei Millionen Diabetes-Patienten weisen gleichzeitig eine psychosomatische Problematik auf“, schätzte Kruse. Da ihre Versorgung die Kapazitäten von Therapeuten weit überschreiten würden, „sind hier vor allem die Hausärzte gefragt“. Diese bekommen es vor allem mit älteren Diabetikern mit psychischen Leiden zu tun, sind doch bei den über 50-Jährigen 16 Prozent von der Zuckerkrankheit betroffen, während im Bundesdurchschnitt acht Prozent diese Volkskrankheit haben. Anhand von Studien wusste der Referent zu berichten, dass beispielsweise bei 16 Prozent aller Diabetiker auch eine behandlungsbedürftige Angststörung vorliegt, kaum weniger häufig sind depressive Episoden. Genauer betrachtet handelt sich hier um einen Teufelskreis. Denn umgekehrt konnte etwa bei Untersuchungen von mit posttraumatischen Belastungsstörungen heimgekehrten Soldaten „ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Diabetes“ beobachtet werden, wie Kruse erläuterte.

Mehr Fachzentren

Und auch frühkindliche Missbräuche oder Suizid-Versuche ließen sich unter Diabetikern gehäuft finden. Daher nimmt der Psychosomatiker an, dass bestimmte biographische Ereignisse „quasi in die Gene eingebaut werden“. Eine Vermutung, die durch die Feststellung erhärtet wird, dass solchermaßen Betroffene für die Insulinproduktion und -verarbeitung verantwortliche Rezeptoren nur unzureichend entwickelt haben. „Als Folge davon kommt es zu einer Regulationsstörung. Der Körper ist schlechter dazu in der Lage, die Insulinproduktion wieder herunterzuregulieren“, beschrieb der Mediziner den Verlauf.

Ist aber für eine qualitativ hochwertige Betreuung gesorgt, lassen sich die Probleme gut in den Griff bekommen. „Studien zeigen, dass nach einer Therapie viel weniger Patienten eine psychosoziale Belastung angeben. Damit einher geht eine bessere Einstellung des Stoffwechsels und eine geringere Sterblichkeit“, berichtete Kruse. Zudem stellte er erfreut fest, dass das Land Hessen inzwischen die Problematik erkannt habe und den Fachzentren mehr Betten zur Verfügung stellt. Nachdem jetzt in der Gaffkystraße neue Räume bezogen wurden, befinde sich auch eine Tagesklinik im Aufbau, die im Herbst eröffnet werden soll, kündigte Kruse an, der unter seinen Zuhörern auch Prof. Horst-Eberhard Richter, einen seiner Vorgänger als Kliniksleiter, begrüßen konnte.


Quelle: Giessener Anzeiger (2010-07-13)
Webseite: http://www.giessener-anzeiger.de/
veröffentlicht von 2010-07-13 bis 2010-09-12