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Geht die Ära der »Thrombosespritze« zu Ende?
Prof. Bettina Kemkes-Matthes: »Wir brauchen noch viel Erfahrung mit den beiden neuen Gerinnungshemmern«

Gießen (if). In Bari, am Absatz des »italienischen Stiefels«, waren sie – kaum bemerkt von der breiten Öffentlichkeit – am 19. April des Vorjahres gestartet. Als 64 Tage später von den ursprünglich 64 Teilnehmern des »2. Trans-Europa-Laufes« 45 übrig gebliebene »Super-Marathonläufer« ins Ziel am Nordkap einliefen, hatten sie nicht nur ohne Ruhetag rund 4500 Kilometer quer durch Europa bewältigt. Sie hatten auch durch wiederholte Untersuchungen eines begleitenden »mobilen Kernspintomografen«
eine Fülle von Daten mitgebracht. Wissenschaftler sind derzeit dabei, daraus auch die Auswirkungen extremer Mobilität auf die unteren Extremitäten – sprich Beine und Füße – zu ermitteln.
Auswirkungen der Immobilität – sei es nur stundenlanges Sitzen oder andauernde Bettruhe – bedürfen kaum solch spektakulärer Tests: die solcherart begünstigte Bildung von Blutgerinnseln in den Beinvenen ist lange bekannt. Daraus resultiert das Risiko, dass ein solches Gerinnsel sich löst und dann, über das Herz in die Lunge gespült, im schlimmsten Fall zu einer Lungenembolie führt. Wenn am Vorabend eines operativen Eingriffs die Schwester also eine »Bauchspritze« gibt und dies später in der Reha – beispielsweise nach einer Knie- oder Hüftoperation – noch über einen geraumen Zeitraum tagtäglich wiederholt wird, geschieht dies, um eine solche zu Recht gefürchtete Komplikation zu vermeiden.
Doch geht die Ära der »Thrombosespritze« zu Ende? Wird künftig eine Tablette pro Tag ausreichen, um das Risiko einer Gerinnselbildung zu minimieren? Prof. Bettina Kemkes-Matthes, die dieser Tage Ärzte und Patienten zu einer Informationsveranstaltung des von ihr geleiteten Interdisziplinären Schwerpunktes für Hämostaseologie im Gießener Universitätsklinikum auf den Schiffenberg eingeladen hatte, stellte zusammen mit ihren Mitarbeitern Oberarzt Dr. Ronald Fischer und Dr. Kathrin Heidinger zwei neue Wirkstoffe vor. Nach den Ergebnissen großer Studien haben sie über feste Dosierungen und eine verbesserte Wirksamkeit hinaus den Vorzug, durch ihre Tablettenform die bisher übliche subkutane Injektion eines »Gerinnungshemmers« – die Bauchspritze – abzulösen und keiner Kontrollen zu bedürfen. Auch Marcumar-Patienten, deren Gerinnungshemmer auf der Reduzierung der Vitamin-K-Bildung beruht und die dabei der regelmäßigen Überwachung ihrer Gerinnungswerte bedürfen, werden dabei hellhörig.
Allerdings sind beide neuen Substanzen zunächst lediglich für die Vorbeugung venöser Thromboembolien nach Gelenkersatz in Hüfte und Knie zugelassen. Rivaroxaban – das Forschungsteam wurde im Dezember durch den Bundespräsidenten für seine »hervorragende deutsche Innovation« mit dem »Zukunftspreis« ausgezeichnet – unterbricht als sogenannter Faktor-Xa-Hemmer die Gerinnungskaskade. Dabei hemmt, so heißt es, der Wirkstoff die Bildung von Thrombin – ohne jedoch dessen Einfluß auf die Plättchenaggregation, die beispielsweise den Wundverschluss steuert, zu beeinträchtigen.
Auch die zweite neue Substanz, Dabigatran, greift in die Gerinnungskaskade ein. Schon etwas länger zur Prophylaxe von Thromboembolien nach großen orthopädischen Eingriffen zugelassen, wird für Dagbigatran angeführt, bei guter Wirksamkeit hohe Sicherheit zu gewährleisten, im Vergleich zur engmaschig zu kontrollierenden Behandlung mit Vitamin-K-Antagonisten keiner Überwachung zu bedürfen und als Pille zur Verfügung zu stehen.
Bei beiden Wirkstoffen sind der Zulassung zwar Zulassungsstudien mit Tausenden von Teilnehmern vorausgegangen, doch, so betonte Kemkes-Matthes abschließend: »Wir brauchen noch viel Erfahrung, um mit den neuen Medikamenten umzugehen.« Wenig werde sich jedenfalls zunächst für Patienten beispielsweise nach Herzklappeneingriffen, während der Schwangerschaft oder bei schweren Leber- und Nierenproblemen ändern.

Quelle: Giessener Allgemeine (2010-07-13)
Webseite: http://www.giessener-allgemeine.de/
veröffentlicht von 2010-07-13 bis 2010-09-12