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»Der Seele mehr Aufmerksamkeit schenken«
Prof. Johannes C. Kruse umriss in seiner Antrittsvorlesung Aufgaben und Ziele der Psychosomatik – Risiko Diabetes

Gießen (if). Was sind Aufgaben und Ziele der Psychosomatik? Die Antwort des neuberufenen Direktors des Zentrums für Psychosomatische Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen auf diese Frage ist bestechend klar: »Dem Körper nicht weniger – der Seele mehr Aufmerksamkeit schenken« lautet sie. Prof. Johannes C. Kruse kam bereits im Vorjahr aus der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf nach Gießen, um die Leitung der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie zu übernehmen. Bei seiner offiziellen Antrittsvorlesung im großen Anatomiehörsaal unterstrich er dieser Tage diese Feststellung zugleich mit der Forderung namentlich an die niedergelassenen Ärzte, sich als Helfer ihrer Patienten zu begreifen: Bereits im hausärztlichen Bereich gelte es, psychotherapeutische Aspekte in die Behandlung einzubeziehen – die qualifizierte Therapie körperlicher Beschwerden mit einer Reduzierung seelischer Belastungen der Patienten zu verbinden.
Als Beispiele nannte Prof. Kruse den Diabetes: Das Risiko eine Depression zu entwickeln, ist bei Diabetikern überdurchschnittlich hoch. Zugleich führt die Kombination Diabetes/Depression zu einem statistisch nachgewiesenen, erhöhten Sterblichkeitsrisiko. Andererseits zeigten bereits Kurzzeitpsychotherapien in interdisziplinären Versorgungskonzepten eine deutliche Verbesserung der Überlebenswahrscheinlichkeit namentlich bei älteren Patienten: Eine Reduzierung der Depressivität kann einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Stoffwechsellage leisten.
Neuere Erkenntnisse aus der molekularen Medizin, über die Prof. Kruse berichtete, machen heute exemplarisch die beispielweise selbst dem – ob vor Scham errötenden oder vor Angst schweißgebadeten – Laien unleugbaren Wechselwirkungen zwischen Psyche und Soma verständlich: Stress – beispielsweise über Depressivität, Angst oder nachwirkende traumatische Erlebnisse – führt zu erhöhter Cortisol-Ausschüttung. Sie wiederum jagt das Herz, treibt den Blutdruck in die Höhe, beeinflusst den Insulinspiegel und führt schließlich zu verhängnisvollen »epigenetischen« Veränderungen: Nicht alle Gene im Zellkern sind stets gleichzeitig aktiv. Erbanlagen können aktiviert oder abgeschaltet werden. Bei Streß kommt es über diesen Mechanismus zu einer »Verarmung« an Cortisol-Rezeptoren – was wiederum mit einer Störung der »Stressachse« zu entsprechenden körperlichen Folgen führt. Therapeutische Konsequenz daraus: Dem Körper nicht weniger, aber der Seele mehr Aufmerksamkeit schenken.
Bei der Begrüßung der Gäste, unter denen man mit Prof. Horst-Eberhard Richter und Prof. Christian Reimer auch die beiden Vorgänger des neuen Gießener Psychosomatikers bemerkte, hatte Medizindekan Prof. Trinad Chakraborty die Freude geäußert, Kruse für Gießen gewonnen zu haben. Bis zu seinem Wechsel Leitender Oberarzt und Stellvertretender Direktor der Düsseldorfer Uniklinik für Psychotherapeutische Medizin, publizierte der 50-jährige Niedersachse mehr als 150 wissenschaftliche Arbeiten. Als einer der meistzitierten Autoren seines Fachgebietes ist er nicht nur Mitverfasser des derzeit erfolgreichsten Lehrbuches zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie in Deutschland, sondern auch Sprecher der vom Bundesforschungsministerium geförderten Arbeitsgruppe »Mental Aspects« des Kompetenznetzes Diabetes mellitus sowie Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Die von ihm anvisierte engere Kooperation mit niedergelassen Ärzten und Psychotherapeuten ist über Fortbildungsveranstaltungen und Forschungsvorhaben bereits angelaufen, ebenso wie ein verstärktes Engagement in der Lehre, beispielsweise mit einem praxisorientierten Training junger Mediziner zur als immer wieder dringend nötig erachteten Verbesserung der Arzt-Patienten-Kommunikation.

Quelle: Giessener Allgemeine (2010-07-12)
Webseite: http://www.giessener-allgemeine.de/
veröffentlicht von 2010-07-14 bis 2010-09-13