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Insektengift-Allergie
Epidemiologie
Zwischen 2 und 4 % der deutschen Bevölkerung sind von einer Insektengift-Allergie betroffen (s. Übersicht aus der ISAAC-Studie). Etwa 10 - 20 Todesfälle pro Jahr werden in Deutschland gemeldet. Allerdings ist von einer großen Dunkelziffer auszugehen.
Pathogenese

Die meisten Insektengifte enthalten biogene Amine, basische Peptide und Enzyme. Diese Substanzen können vor allem toxische oder allergische Reaktionen auslösen. Bei letzteren handelt es sich um eine Typ I-Allergie vom Soforttyp. Nach erstem Kontakt mit dem Insektengift werden spezifische IgE-Antikörper produziert, die an Mastzellen und basophilen Granulozyten gebunden werden (s. Asthma). Der zweite Allergen-Kontakt führt zur Vernetzung zellständiger IgE-Moleküle und ist zur Freisetzung von Mediatoren, die die allergische Reaktion einleiten (s. Asthma). Wesentlicher prädisponierender Faktor ist eine erhöhte Exposition, die atopische Veranlagung ist keine Voraussetzung, aber nicht selten vorhanden. Die durchschnittliche Giftmenge pro Stich liegt zwischen 50 und 100 µg (max. 300 µg).

Symptome

Örtliche Reaktionen: Umschriebene Schwellung und Rötung der Stichstelle durch toxische Wirkung des Giftes; übersteigerte Lokalreaktion (mehr als 10 cm im Durchmesser sowie Persistenz für 24 Std. und länger) durch eine allergische Reaktion, die nicht ausschließlich IgE-vermittelt sein muß.

Vorboten können sein: Unruhe, Übelkeit, Jucken oder Kratzen im Rachen, Kribbeln an Händen und Fußsohlen.

Allgemeinreaktionen

  • systemische anaphylaktische Reaktion auf einen oder mehrere Stiche (Kollaps, Bewußtlosigkeit, Schock),
  • bei großer Anzahl von Stichen systemische toxische Reaktionen, vor allem mit Hämolyse, zentral-nervösen Störungen, Niereninsuffizienz, Leberparenchymschäden, etc.;
  • Atemnot, selten bis hin zu lebensbedrohlicher Situation durch allergische oder toxische lokale Schwellung bei Stichen im Bereich der Luftwege, bzw. bronchiale Obstruktion.

Diagnostik

Sind Stichreaktionen nicht durch Bienen oder Wespen, Hummeln oder Hornissen verursacht, dann sind die diagnostischen Möglichkeiten sehr begrenzt. Extrakte für Hauttests sowie die verläßliche Möglichkeit zur Bestimmung spezifischer Serum-IgE-Antikörper stehen nur für die genannten Insekten zur Verfügung.

Anamnese

  • Art der Reaktion auf den Stich: Zeitliches Intervall, Symptome, symptomatische Behandlung?
  • Identifizierung des auslösenden Insektes: Aussehen des Insekts, Verbleiben des Stachels, Umstände des Stiches? [Anmerkung: Wespenstachel bleibt selten, Bienenstachel - als Folge der atärker ausgebildeten Widerhaken - meist in der Haut ]
  • Risikofaktoren: Beruf und Hobbys, atopische Veranlagung?
  • Bewertung des Schweregrades der Stichreaktion

Schweregrad

Stichreaktion

Verstärkte Lokalreaktion (Hautschwellung Æ 10 cm bzw. Schwellung unter Einbeziehung beider der Stichstelle benachbarten Gelenke, Persistieren > 24 Stunden).

II°

Milde Allgemeinreaktion (Urtikaria, Angioödem, generalisierter Pruritus, Nausea)

III°

Schwere Allgemeinreaktion (Bronchialobstruktion, Dyspnoe, Bewußtlosigkeit, Kollaps, Schock

Hauttest

Vorzugsweise mit Bienen- und Wespengift, notfalls auch mit anderen Insektengift-Zubereitungen, soweit verfügbar.

  • Testung frühestens 2 (besser 4) Wochen nach dem letzten Stichereignis. Auf diese Weise geht man einer Anergie-Phase aus dem Wege (infolge von Freisetzung gespeicherter Mediatoren nach dem Stich).
  • Evtl. Bestimmung der Reaktionsschwelle durch Testung mit ansteigenden Konzentrationen bis zum Auftreten einer eindeutigen Sofortreaktion (z.B. PRICK-Test mit 0,1 - 1 - 10 - 100 µg/ml).
    [cave: vorherige Gabe von Antihistaminika und Steroiden]
  • Ablesung der Testergebnisse jeweils nach 15 - 20 Min., Beurteilung von verzögerten oder späten Reaktionen durch Ablesung am Folgetag (Quaddeldurchmesser < 3 mm = positiv; Æ >  3 mm stark positiv).
  • Bei Patienten mit schweren Reaktionen (Grad II mit deutlicher Bronchialobstruktion, Grad III) bzw. mit individuell erhöhtem Risiko evtl. Testung unter stationären Bedingungen mit Aufenthalt bis zum Folgetag.
  • In Ausnahmefällen wird die Stichprovokation mit dem verdächtigen Insekt direkt vorgenommen. "Gezüchtete" Insekten sind allerdings für eine verlässliche Beweisführung nicht geeignet. Eine eingehende Aufklärung des Patienten und der Eltern ist Vorbedingung. Ferner müssen alle Vorsichtsmaßnahmen für den Fall einer anaphylaktischen Reaktion getroffen werden.

In-vitro-Tests

Bestimmung der für Bienengift und der Wespengift spezifischen IgE-Antikörper im Serum (weniger sensitiv als der Hauttest). Mögliche Zusatzuntersuchungen: z.B. Inhibitionstests zum Nachweis einer möglichen Kreuzreaktivität gegenüber Bienen- und Wespengift, sofern das auslösende Insekt anders nicht sicher zu identifizieren ist.

 

Therapie

Allgemeine Maßnahmen

  • Informationen über Karenzmaßnahmen sowie über das Verhalten im Falle eines erneuten Stiches (Merkblatt !)
  • Notfallmedikation zum ständigen Mitführen: Antihistaminikum mit raschem Wirkungseintritt (z.B. Cetirizin = Zyrtec ® -Tropfen, 3 - 5 ml oral) sowie ein Corticosteroid (z.B. Celestamine ® N 0,5 liquidum, 5 ml oral), und ein Adrenalin-Spray zur Inhalation (z.B.  Primatene®, bis zu 3 Hub; wegen FCKW-Teibgas ab 1.1.2006 nicht mehr über Auslandsapotheke erhältlich ; InfectoKrupp Inhal ®Inhalations-Pumpspray).
    Zum Teil wird auch ein Adrenergikum zur Injektion empfohlen (Adrenalin s.c.: ca. 0,3 mg für Kinder < 10 J.; 0,5 mg für Jugendliche und Erwachsene, z.B. Anapen® ). Dies ist vor allem dann sinnvoll,  wenn Patienten bzw. Angehörigen (wie bei Diabetes) daran gewöhnt sind, mit solchem Instrumentarium umzugehen.
  • Sonstige Prävention: Möglichst keine Therapie mit Betablockern oder ACE-Hemmern, die die allergischen Reaktionen verstärken.

 

Kausale Therapie (Hyposensibilisierung = spezifische Immuntherapie, SIT)

Indikation:

  • Bei Patienten mit systemischer, anaphylaktischer Stichreaktion bzw. Bronchokonstriktion und dem Nachweis einer IgE-vermittelten Sensibilisierung.
    Das übliche Score-System, in dem Anamnese, Hauttest und In-vitro-Test berücksichtigt werden, wird nicht mehr als aussagekräftig angesehen.

Durchführung

Prinzipiell ist das konventionelle Vorgehen möglich: Wöchentlich werden steigende Mengen bzw. Konzentrationen des gelösten Insektengiftes subkutan appliziert bis die Erhaltungsdosis erreicht ist..

Besonders bewährt hat sich die stationär begonnene Schnell(Rush)-Hyposensibilisierung mit Enddosis von üblicherweise 100 µg Hymenopteren-Gift, das danach alle 4 Wochen ambulant verabreicht wird. Bei erhöhtem Risiko wird ggf. die doppelte Dosis verabreicht (Tab. 1) .

Eine Sonderform ist die "Ultrarush-Hyposensibilisierung", die innerhalb von 2 - 3 Tagen durchgeführt wird.Besonders vorteilhaft daran ist der Aufbau des Schutzes innerhalb weniger Tage.
                                                                   [Steiß et al. Klin. Pädiatr. 2004; 216:79-82]

 

 



Tab. 1 Protokolle zur  Hyposensibilisierung (SIT) bei Insektengiftallergie

Tag Stunde Ultrarush-
SIT
Lindemann/Steiß

Ultrarush-
SIT
Brehler
Rush-
SIT
Przybilla/Rueff
Konventionelle
SIT Mosbech/Wyss

1

0,0

0,01

0,01

0,02

0,02

 

0,5

0,10

0,10

0,04

 

 

1,0

1,00

1,00

0,08

 

 

1,5

10,00

10,00

0,20

 

 

2,0

20,00

20,00

0,40

 

 

2,5

40,00

40,00

 

 

 

3,0

80,00

80,00

 

 

2

0,0

100,00

100,00

0,80

 

 

2,0

 

100,00

2,00

4,0

4,00

6,0

6,00

3

0,0

8,00

2,0

10,00

4,0

20,00

4

0,0

40,00

2,0

60,00

4,0

5

0,0

80,00

2,0

 

4,0

8

0,04

15

0,08

22

0,20

29

0,40

36

0,80

43

2,00

50

4,00

57

6,00

64

8,00

71

10,00

78

20,00

85

40,00

92

60,00

99

80,00

106

100,00



 

Nebenwirkungen

  • In der Steigerungsphase bis zu milde lokale Reaktion bzw. 40 % Schockfragmente, nach vorübergehender Dosisreduzierung kann die Hyposensibilisierungsbehandlung in der Regel problemlos fortgesetzt werden.
  • Bei wiederholten systemischen oder ausgeprägten lokalen Reaktionen: Besonders behutsame Steigerung, evtl nach Prämedikation mit einem Antihistaminikum vor der Hyposensibilisierungsinjektion.
  • Bei Versagen dieser Maßnahmen: Therapie mit höchster vertragener Dosis, mindestens aber 50 µg
  • Die Notfallmedikation sollte stets bereitgehalten werden, da mehrere Stiche (z.B. in der Nähe eines Bienenstocks bzw. eines Wespennests) gleichzeitig erfolgen können.



Prognose

90 - 95 % Erfolg der SIT, wahrscheinlich aufgrund der Umstimmung der pathologischen Immunreaktion von TH 2- in Richtung TH 1-Zellen mit gleichzeitig verminderter IgE-Produktion sowie vermehrter Produktion von Interferon-Gamma und Interleukin 10, wobei noch nicht alle Mechanismen geklärt sind.

Hyposensibilisierungsdauer

Sie wird nicht einheitlich; bisher wird ein Behandlungsende nach mindestens 3 - 5 Jahren empfohlen. Auch die Mehrzahl der Patienten, die die spezifische Immuntherapie vorzeitig abbrechen, ist langfristig geschützt. Prognostisch aussagekräftige Labortests gibt es noch nicht.

  • Die Therapiekontrolle mittels Stichprovokationstest ist nur mit Wildinsekten sinnvoll, aber wegen unterschiedlicher Giftmenge auch nicht 100%ig verlässlich.